Otto Nigsch
Autistische Ökonomie
Die heutigen Entwicklungen in der Wirtschaft sind in
vielfacher Weise kontraproduktiv und für die Zukunft alles andere als
vielversprechend. Von wissenschaftlicher Seite gibt es dazu recht
unterschiedliche Positionsbezüge, zustimmende und ablehnende. Der folgende
Beitrag befaßt sich mit den Kontroversen um die Wissenschaftlichkeit der
neoklassischen Ökonomie, die seit einiger Zeit die Ökonomen vor allem im
französischsprachigen Raum entzweit.
Ich möchte die damit verbundenen Fragen
weitergeben, keineswegs in der Hoffnung, daß sich die Richtung der heutigen
Entwicklungen kurzfristig ändern wird. Etwas ganz anderes sind jedoch die
Bestrebungen, diese Entwicklungen im Namen der Wissenschaft legitimieren zu
wollen. Daher die Notwendigkeit, eine im Kleid der Naturwissenschaften
daherkommende ökonomische Theorie zu entmythologisieren.
2. Die zwei Versionen des
offenen Briefes
2.1 Imaginäre Welten
2.2 Mathematik und
mißbräuchliche Formalisierung
3. Reaktionen auf den
offenen Brief
3.1 Identifikationen
mit dem Appell
3.2 Ein Gegen-Appell
4. Festung Orthodoxie
4.1 Hüter der
wissenschaftlichen Ideale
4.2 Das symbolische
Kapital
4.3 Die Allianz mit
dem Kapitalismus
5. Wie läßt sich die
Festung schleifen?
1. Einleitung
Im Mai des Jahres 2000 haben Studenten an den französischen
Universitäten und Grands Écoles in einem offenen Brief gegen die Lehre
protestiert, die ihnen im Bereich der (National-)Ökonomie verabreicht wird.
Wenige Monate später, im November 2000, sind dieselben Studenten mit einer
zweiten Version dieses Briefes an die Öffentlichkeit gegangen. Adressaten der
zweiten Version waren insbesondere der für die Wissenschaft zuständige Minister
sowie die Repräsentanten der französischen Gesellschaft für Ökonomie. In der
zweiten Version bezeichnen sich die Initiatoren als Exponenten einer
studentischen Bewegung, welche die im Mai geäußerte Kritik nun in konkrete
Forderungen umsetzen wollen. Diese beiden Dokumente finden sich unter http://www.paecon.net, in
deutscher Übersetzung hier. Autismus dient zur Bezeichnung jenes krankhaften
Verhaltens, das unter dem Einfluß von Trieben und Affekten auf bestimmte Ziele
fixiert bleibt, sich in Tagträumen verliert, ohne sich um die Widersprüche mit
der Wirklichkeit zu kümmern. In übertragenem Sinne kann man jenes Verhalten als
autistisch bezeichnen, das nur auf seine eigene enge Perspektive fixiert ist
und sich weigert, darüber hinausgehende Tatsachen zu Kenntnis zu nehmen.
Ebenfalls
im Mai 2000 hat P. Bourdieu seine Studie über „Die sozialen Strukturen der
Ökonomie" veröffentlicht. Dort heißt es einleitend: „Die Wissenschaft, die
man als ‚Ökonomie' bezeichnet, beruht auf einer originären Abstraktion, die
darin besteht, eine besondere Kategorie von Praktiken, oder eine besondere
Dimension aller Praktiken, von der sozialen Ordnung abzutrennen, in die alles
menschliche Tun eingebettet ist".(1)
Diese Eingebettetheit macht es daher nötig, alle Praktiken, auch die im engeren
Sinne ökonomischen, im Sinne von Marcel Mauss als eine ganzheitliche soziale
Tatsache (fait social total) zu betrachten. Dies führt dann, so Bourdieu
weiter, zu einer Vorgangsweise, die sich von der in der Ökonomie üblichen in
zweifacher Weise wesentlich unterscheidet: Erstens einmal darin, daß bei der
Erforschung eines bestimmten Problems die Gesamtheit des verfügbaren Wissens
über die verschiedenen Dimensionen der sozialen Ordnung wie z.B. Familie,
Staat, Schule, Gewerkschaften, Vereine etc. zu berücksichtigen ist. Und dann
zweitens, daß sie mit einem System von Begriffen operiert, die dazu geeignet
sind, den tatsächlich beobachteten Fakten gerecht zu werden. Damit ergeben sich
Möglichkeiten, ökonomische Aktionen in einer anderen Art und Weise zu
begreifen.
Zwischen
der Kritik der Studenten an der Einseitigkeit ihres Unterrichtes und der Kritik
Bourdieus am verkürzten Blickwinkel der gegenwärtig dominierenden
Wirtschaftskonzeption gibt es offensichtlich enge Affinitäten. Die geäußerte
Kritik richtet sich vor allem darauf, daß eine solche Wissenschaft ihren
Gegenstand in einem Ausmaß reduziert und simplifiziert, daß sie ihn schließlich
verfehlt. Gleichzeitig tritt diese einäugige Ökonomie mit dem Anspruch auf, die
Kriterien der Wissenschaftlichkeit in einem besonders hohen Ausmaß zu erfüllen,
meint sogar gelegentlich, die Königin der Sozialwissenschaften zu sein. Die
Feststellung einer solchen Diskrepanz zwischen Fiktion und Realität ist für die
einen unmittelbar einsichtig, für die anderen nur schwer nachvollziehbar. Dabei
verläuft die Trennlinie zwischen jenen, die sich mit dem heute dominanten
Paradigma der Ökonomie identifizieren bzw. sich davon distanzieren, keineswegs
nur zwischen Ökonomen und Nicht-Ökonomen. Denn auf der einen Seite stehen jene,
die sich durchaus als der Zunft zugehörig betrachten und von einer anders
definierten Basis aus als Ökonomen argumentieren, auf der anderen aber auch
jene, die als Nicht-Ökonomen sich den Bestrebungen anschließen, ökonomische
Explikationsmuster auf nicht primär als ökonomisch definierte Bereiche
auszudehnen, wie dies z.B. soziologische rational choice-Theoretiker zu tun
versuchen.
Als
theoretische Konflikte sind derartige Kontroversen um Methoden und
Gegenstandbereich der Ökonomie keineswegs neu. Was neu ist, das ist der heute gegebene
Kontext, in dem diese Auseinandersetzungen stattfinden und die offensichtliche
Polarisierung zwischen den gegensätzlichen Positionen. In einem ersten Schritt
ist daher auf den offenen Brief der Studenten einzugehen. Was sind die
Hauptpunkte der Kritik? Welche Reaktionen hat dieser Appell, sich der Kritik
anzuschließen, ausgelöst? In einem weiteren Schritt ist dann der geänderte
Kontext zu beschreiben und auf die damit verbundene Verschärfung der
Auseinandersetzungen einzugehen. Einige abschließende Überlegungen gehen der
Frage nach, wie erfolgreich derartige Versuche sein können, die
Quasi-Monopolstellung der heute dominanten Konzeption anzufechten.
2. Die zwei Versionen des offenen Briefes
Wie
schon erwähnt, hat sich das studentische Unbehagen in einer doppelten Form
manifestiert. Zunächst einmal als Kritik am Bestehenden, dann aber in der
Gestalt von Vorschlägen, durch welche konkreten Änderungen die gegebene Misere
zu beseitigen wäre. Der Inhalt der beiden Briefe läßt sich mit folgenden
Stichworten umschreiben: Die vorgetragene Ökonomie ist in falschen imaginären
Welten verankert und ist auf eine übertriebene Formalisierung durch
unkontrollierte Mathematisierung fixiert; zur Veränderung dieser Situation wird
die Forderung erhoben, in der Lehre eine Pluralität der paradigmatischen
Ansätze zu berücksichtigen sowie die Ökonomie insgesamt mehr im Kontext der
historischen und gesellschaftlichen Veränderungen zu sehen. Beide Briefe haben
offensichtlich einen engen Bezug zum praktischen Handeln. Der erste enthält
eine Drohung an die Lehrenden, daß die Studenten der von ihnen verkündeten
Lehre allenfalls den Rücken zukehren und sich anderen Studien zuwenden werden,
der zweite stellt sich unter das Motto Herbert Simons: „Wenn die Mikro-Theorie
falsch ist, dann schmeißt sie einfach weg".
2.1 Imaginäre Welten
Die Kategorie des „Imaginären" wird nicht in allen Wissenschaftskulturen
mit derselben Selbstverständlichkeit verwendet. Im frankophonen Kontext gehört
sie heute zum geläufigen Sprachrepertoire. Im deutschsprachigen Raum ist sie
weniger gebräuchlich, daher eher den Fremdwörtern zuzurechnen, die der
Verdeutlichung bedürfen.
In einem engen, zunächst sehr wörtlichen Sinne bezieht sich
der Ausdruck „Das Imaginäre" auf die Welt der Vorstellungen einzelner
Individuen, aber auch auf das System der Vorstellungen und gängigen Symbole bei
bestimmten sozialen Einheiten. Als analytisches Instrument wird diese Kategorie
dann wichtig, wenn sich damit die Behauptung verbindet, daß die Welt des oder
der Menschen die Welt seiner bzw. ihrer Vorstellungen ist. Diese Tatsache der
mentalen Konstruiertheit des Gesellschaftlichen hat C. Castoriadis systematisch
in „Die Gesellschaft als imaginäre Institution"(2) aufgezeigt
und dann, wenige Jahre später, in einer weiteren Arbeit(3) zu
verdeutlichen versucht. Ausgehend vom Verhältnis des Sehenden zum Gesehenen,
vom Wahrnehmenden zum Wahrgenommenen, weist er darauf hin, daß in jeder
Wahrnehmung nicht eindeutig isolierbare, geschichtlich bestimmte Bestandteile
enthalten sind. Weil der Wahrnehmungsapparat jeweils als geschichtliche
Institution vorgegeben ist, macht er die einzelnen Individuen zu Individuen
einer bestimmten Gesellschaft und einer bestimmten Epoche. Das A-priori der Art
und Weise, wie die Welt gesehen wird, ist konstitutiv für die Lebenswelt, die
dann wieder Grundlage dafür ist, was Menschen für unmittelbar evident halten
oder nicht. Mit der Einrichtung einer bestimmten Wahrnehmungsorganisation ist
auch vorgegeben, was jeweils als klar erkennbare Figur und als Hintergrund zu
gelten hat. Das Denken hingegen beginnt für C. Castoriadis erst dort, wo die
jeweils instituierte Wahrnehmungsorganisation erschüttert wird, die jeweils
gegebene Welt und die mit ihr verbundenen imaginären Bedeutungen fragwürdig
werden. Denken ereignet sich erst dort, wo neue Figuren geschaffen werden, was
wiederum voraussetzt, daß existierende Hintergründe zerrissen und vorgegebene
Horizonte umgestaltet werden. Zwischen Figur (Objekt) und Hintergrund bestehen
historisch wandelbare Beziehungen, bestimmte historische Ausprägungen dieser
Beziehungen konstituieren bestimmte Eidos-Typen, die jeweils dafür
verantwortlich sind, wie die Welt und die Gegenstände in ihr zu sehen sind.
Aus
diesem Sachverhalt, daß wir sowohl Gegenstände sehen/wahrnehmen, aber nicht
vollständig erfassen können, was geschieht, wenn wir sehen/wahrnehmen, ist der Schluß
zu ziehen, daß in jeden Vorgang des Sehens/Wahrnehmens auch Elemente Eingang
finden, die nicht gesehen/wahrgenommen werden können. Zur Beschreibung der
wahrgenommenen Objekte kommen also immer auch Elemente hinzu, deren sich der
Wahrnehmende gar nicht bewußt ist. Diesen Sachverhalt hat auch schon E.
Durkheim in seiner Vorlesung über „Pragmatismus und Soziologie" 1913/14
behandelt, jedoch in einem weitgehend anderen Koordinatensystem verankert. Er
geht dabei davon aus, daß Wissenschaft aus dem Bemühen entstanden ist,
Differenzen in der Wahrnehmung der Dinge zu bearbeiten, um sie schließlich so
zu erfassen, wie ein gänzlich objektiver Verstand sie sich vorstellen kann.(4)
Durkheim beruft sich dabei auf A. Comte, welcher der Wissenschaft die Aufgabe
zugewiesen hatte, dem Chaos divergierender Meinungen, also der geistigen
Anarchie, ein Ende zu setzen und der Herstellung eines gemeinschaftlichen
Bewußtseins zu dienen. Weil Einzelwissenschaften wegen ihrer starken
Spezialisierung dieser Aufgabe nicht gewachsen sind, bedarf es nach Comte einer
Disziplin, die sämtliche Einzelwissenschaften umfaßt. Diese neue Disziplin,
welche das allen Einzelwissenschaften Gemeinsame in einer neuen Synthese zusammenbringt,
ist bei Comte die positive Philosophie. Hier koppelt sich Durkheim mit dem
Hinweis, daß die Philosophie nur persönlich sein kann, von Comte ab, hält aber
an dessen Forderung fest, daß es etwas die einzelnen Disziplinen Verbindendes
geben müsse. Dieses Verbindende ist für Durkheim das kollektive Bewußtsein,
„eine Populärphilosophie, die unser aller Werk und für uns alle gemacht
ist".(5)
Gegenstand dieser Populärphilosophie sind nicht nur die physikalischen Objekte,
sondern auch der Mensch und die Gesellschaft. Aus diesem Grund kommt nach
Durkheim der Geschichte eine eminente Bedeutung zu, denn nur mit Hilfe der
Geschichte wird die Gesellschaft sich ihrer selbst bewußt.
Diese
Populärphilosophie ist in der Sicht Durkheims aus einem doppelten Grunde
wichtig. Einmal für das System des Wissens, wo sie Antworten bereit hält für
Fragen, die sich wissenschaftlich nicht beantworten lassen. Dann aber auch
deswegen, weil zum Leben nicht nur das Erkennen, sondern auch das Handeln
gehört. Die Gesellschaft muß entscheiden, was zu tun ist, auch wenn die mit der
Entscheidung verbundenen Probleme noch keineswegs wissenschaftlich gelöst sind.
Bei allen Entscheidungen darüber, was getan werden soll, spielen Vorstellungen
der Gesellschaft über sich selbst eine zentrale Rolle. Grundlage dieser
Vorstellungen sind nicht objektives Wissen, sondern, wie Durkheim sagt, nur
„eine Erkenntnis von innen", also der Versuch, die Gefühle von sich selbst
zu verarbeiten und sich daran zu orientieren. Das bedeutet dann im Klartext,
daß die Gesellschaft in ihrem Handeln sich an Vorstellungen ausrichtet, die von
derselben Art sind wie die mythologischen Wahrheiten.
Ein
besonderes Kennzeichen derartiger mythologischer Vorstellungen liegt darin, daß
sie einen von allen geteilten Gedanken ausdrücken, diesen mit einer besonderen
Autorität ausstatten und so der Kontrolle und dem Zweifel entziehen. Die
allgemeinen Vorstellungen des kollektiven Bewußtseins scheinen nichts mit der
Religion zu tun zu haben, haben jedoch in der Gesellschaft dieselbe Funktion
wie die Dogmen in der Religion. Die unvermeidbare Koexistenz begrenzter
wissenschaftlicher Einzelerkenntnis mit der Notwendigkeit, entscheiden und
handeln zu müssen, führt notwendigerweise zum Nebeneinander zweier Tendenzen:
der Tendenz zu objektiver wissenschaftlicher Wahrheit und der Tendenz zu einer
mythologischen Wahrheit.
Das
Verlangen der Studierenden der Ökonomie, „die imaginären Welten zu
verlassen", ist also einigermaßen klar und die Nachdrücklichkeit, mit der
es vorgetragen wird, verständlich. Lehre der Ökonomie heißt heute zu 90% Lehre
der neoklassischen Ökonomie. Diese neoklassische Ökonomie dient gleichzeitig
auch als neoliberale Ideologie, die den heute vorherrschenden wirtschaftlichen
Praktiken die wissenschaftliche Legitimation besorgt. Populärphilosophisches,
Dogmatisches, Mythologisches spielen dabei eine erhebliche, weitgehend zu wenig
klar erkannte Rolle. Dieser Glaube an wissenschaftlich nicht Belegbares ist
hier ein notwendiges Komplement des wissenschaftlich Belegbaren. Je weniger es
als solches erkannt wird, umso wirksamer ist es. Zu Recht daher die Frage, die
F. Lebaron (2000) explizit stellt und ausführlich behandelt: „Müssen wir an die
Ökonomie glauben?(6)
2.2 Mathematik und mißbräuchliche Formalisierung
Von A. Comte wird heute als noch bemerkenswerte Erkenntnis hauptsächlich sein
Dreistadiengesetz überliefert. Dieses Gesetz behauptet, daß es im
Geschichtsverlauf ein zeitliches Nacheinander einer mythologischen, einer
metaphysischen und einer positivistischen Epoche gibt. Warum sein
enzyklopädisches Gesetz, das eine Hierarchie der Wissenschaften postuliert,
völlig in Vergessenheit geraten ist oder verdrängt wird, mag hier offen
bleiben. Auf jeden Fall sucht dieses zweite Gesetz Comtes die zeitliche Abfolge
der Entstehung der verschiedenen Wissenschaften einer nachvollziehbaren Logik
zu unterstellen. Dazu dient die Klassifizierung der diversen
Einzelwissenschaften nach folgenden Kriterien: Die Natur der von ihnen
behandelten Phänomene, ihr Grad an Generalisierbarkeit und abnehmende
Unabhängigkeit oder zunehmende Komplikation,(7) was
zu immer abstrakteren und schwierigeren Spekulationen führe, gleichzeitig aber
auch zu wichtigeren, soferne sie sich auf den Menschen oder die Menschheit
beziehe, auf die als Endzweck jedes theoretische System hingerichtet sei. Zur
Naturphilosophie, die Comte notwendigerweise als der Sozialphilosophie
vorgeordnet betrachtet, gehören die drei großen Einzelbereiche der Astronomie,
der Chemie und der Biologie, von denen der erste für den Ursprung und der
letzte für die Bestimmung des wissenschaftlichen Geistes stehe. Comtes
Überlegungen führen ihn zum Postulat einer 6-stufigen Hierarchie der
fundamentalen Wissenschaften,(8) die
er für historisch und dogmatisch, wissenschaftlich und logisch legitimiert
hält: Der Mathematik folgt die Astronomie, dieser dann die Physik und die
Chemie, wobei die Biologie und die Soziologie den Abschluß dieser Hierarchie
bilden.
Für
die Klassifizierung der Wissenschaften sind hier bei Comte zwei Gesichtspunkte
maßgeblich. Ein erster, den er als dogmatisch bezeichnet, ordnet die
Wissenschaften nach ihrem Grad der Abhängigkeit. d.h. der Art und Weise, wie
eine Wissenschaft auf der vorhergehenden beruht und die folgende vorbereitet.
Ein zweiter berücksichtigt die zeitliche Entstehung und bewegt sich von den
älteren zu den jüngeren Wissenschaften. Die Mathematik, der Ursprungsort des
rationalen Positivismus, führt er auf spekulative Spiele mit Zahlen zurück, die
sowohl allgemein gültig und einfach, in hohem Maße abstrakt und unabhängig
sind. Diese Mathematik hält er für die Urform des ganzen wissenschaftlichen
Systems, die er vor allem aus logischen Gründen an den Anfang stellt. Am Anfang
steht das Einfache, auf dem sich dann das Komplexe aufbaut.
Die
Wissenschaft Galileis markiert hier einen Bruch, wenn sie den bereits in der
Renaissance kultivierten Glauben radikalisiert, daß die Natur als solche sich
nur durch die Verwendung der mathematischen Sprache entschlüsseln lasse, wobei
Mathematik bei Galiei geometrische Konfiguration bedeutete. Diese Sichtweise
war der Beginn eines neuen Verständnisses von Wissenschaft, die ihren
Gegenstand als einen vom Subjekt unabhängigen Prozeß konstituierte. Dieser
Gegenstand sollte durch Kategorien wie Identität, Substanz und Kausalität
eindeutig faßbar und in mathematischer Sprache beschreibbar sein. Dabei wurde
vorausgesetzt, daß diese Sprache dem Gegenstand angemessen und innerlich
kohärent sei. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde jedoch klar, daß die
Mathematik nicht widerspruchsfrei, also nicht kohärent ist. Gleichzeitig
stellte sich heraus, daß Kontroversen um diese Kohärenz, für die Hilbert den
Begriff der Metamathematik verwendete, nicht in mathematischer Sprache, sondern
in der wesentlich unschärferen und vieldeutigeren Umgangssprache zu führen
sind.(9)
Dies
bringt die Mathematik in eine sonderbar ambivalente Position. Einerseits ist
sie jene Wissenschaft, der höhere Systematizität und Beweiskraft zugeschrieben
wird als anderen Wissenschaften. Andererseits ist sie aber nach einer
Formulierung B. Russels auch jene Wissenschaft, „bei der man weder jemals weiß,
wovon man spricht, noch ob es wahr ist."(10)
Kürzer gefaßt läßt sich die Ambivalenz auf die Formel bringen: Höchster Grad an
Wissenschaftlichkeit bei gleichzeitig größter Distanz zur realen Objektwelt. Im
hierarchischen System Comtes gibt es solche Ambivalenzen jedoch nicht mehr.
Denn dort stehen die miteinander verbundenen Wissenschaften in einer Linie
zunehmender Komplexität der Objektwelten, die von den Bestrebungen um die
Konstitution einer Einheitswissenschaft (wie im Wiener Kreis) negiert werden.
Dieses Plus, das bei jeder Wissenschaft hinzukommt, die im
dogmatisch-historischen Schema Comtes höher steht als andere, läßt sich aber
auch negieren durch Versuche, das Höhere auf das Niedrigere zurückzuführen.
Dies führt zu den bekannten Reduktionismen: Der Reduktion des Gesellschaftlichen
auf Biologisches, der Reduktion des Biologischen auf Chemisches, der Reduktion
des Chemischen auf Physikalisches.
Den
Beginn dieser Versuche, Komplexes auf Einfacheres. letztlich auf Mechanisches
zu reduzieren, verlegt F. v. Hayek in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts,
die Epoche des Triumphes der neuen Naturwissenschaften und des grenzenlosen
Vertrauens in ihre Methoden. Die spätere Ausweitung des Geltungsbereiches
dieser neuen Methoden auf die Erscheinungsformen der Gesellschaft schreibt er
szientistischer Hybris zu, sieht darin eine wissenschaftliche Gegenrevolution,
die gleichzeitig den Anfang eines Verfalls der Vernunft bedeute.(11) An
die Stelle eines ursprünglich noch naiven Bestrebens, in den
Naturwissenschaften vielfach Bewährtes auch auf andere Bereiche auszuweiten,
treten später von Eifersucht genährte Wünsche, das anscheinend Exakte und
Erfolgreiche zu imitieren, um ebenfalls mehr Ansehen und Einfluß zu gewinnen.
In diesem Sinne interpretiert jedenfalls Norbert Wiener 1965 die Gewohnheiten
der Volkswirtschaftler, „ihre ziemlich unpräzisen Ideen in die Sprache der
Infinitesimalrechnung zu kleiden".(12)
Ihrem Beispiel folgen dann Sozialwissenschaftler aus anderen Bereichen, die
ebenfalls von szientistischen Illusionen geblendet sind und es sich nicht
nehmen lassen, „die Wirtschaftswissenschaftler nachzuäffen, die ihrerseits die
Physiker nachäffen" (13)
Neuerdings
gibt es allerdings Bestrebungen, dieses Nachäffen der Physik in eine für beide
Seiten vermeintlich fruchtbare Kooperation zu transformieren. So hat unlängst(14)
die neu gegründete Sektion für statistische und nichtlineare Physik der
„European Physical Society" in einer Konferenz in Dublin versucht, den
Dialog zwischen Physikern und Finanztheoretikern zu fördern. Was daraus
geworden ist, glich eher einem Monolog unter Physikern, denn die
Finanztheoretiker glänzten bei dieser Konferenz durch Abwesenheit. Die Gründe
der Abwesenheit wurden nicht genau eruiert, doch stellt der Bericht fest, daß
zwischen Ökonomen und Physikern ein Verhältnis gegenseitigen Mißtrauens
besteht: „Bei den Ökonomen spürt man eine fast an Minderwertigkeitskomplexe
grenzende Unsicherheit, während Physiker manchmal eine arrogante
Überheblichkeit durchblicken lassen". Dennoch soll es Chancen für einen
lernenden Austausch zwischen diesen beiden Disziplinen geben, obwohl das
verfügbare statistische Rohmaterial unterschiedliche Zugänge zur Folge hätte.
Physiker könnten von unverbindlichen Modellen ausgehen und auftretende
Modellierungsfehler bei Wiederholungen der Experimente korrigieren.
Finanztheoretiker seien dagegen wegen der Nicht-Wiederholbarkeit von
Beobachtungen zu größerer Vorsicht gezwungen und daher der Versuchung
ausgesetzt, „die Lückenhaftigkeit der Daten mit einer oft übertrieben
anmutenden Mathematisierung ihrer Modelle wettzumachen" (a.a.O.).
Der
Vergleich der beiden Wissenschaften, die hier miteinander in Gespräch kommen
sollen, beschränkt sich auf Unterschiede im Umgang mit Modellen und Daten, also
die vermeintliche Objektebene, und eine davon abhängige methodologische Ebene.
Die offensichtlichen Schwierigkeiten, einen Dialog zwischen Physikern und
Ökonomen zu initiieren, dürften aber auch dadurch bedingt sein, daß die
Vertreter der jeweiligen Gruppen als Wissenschaftler verschiedene soziale
Rollen spielen. Im Anschluß an wissenssoziologische Überlegungen bei F.
Znaniecki, der die Frage stellt, ob bestimmte Systeme des Wissens und der
verwendeten Methoden auch im Zusammenhang mit der sozialen Einbettung der
Wissenschaftler selbst zu tun haben, stellt N.J. Krysmanski fest,(15)
daß die Träger des Wissens sich zu allen Zeiten entweder als Technologen oder
als Ideologen nützlich zu machen gesucht haben. Technologen sind die Träger und
Verbreiter des instrumentellen Wissens und sind als solche im Mittel-System der
Gesellschaft fest verankert und dort unabkömmlich. Ideologen sind hingegen
jene, welche die nicht zu hinterfragenden Wahrheiten produzieren und bewahren.
Die
Ökonomie versteht sich heute offensichtlich als Wissenschaft, die feststellt,
was ist, und dann auch darüber befindet, was geschehen soll. Sie stellt sich in
eine Reihe mit den exakten Wissenschaften, wenn sie in gleicher Weise wie diese
auf quantifizierbare Begriffe und mathematisierende Darstellung der
Prozessverläufe setzt. Darüber hinaus beansprucht die Ökonomie aber auch - für
Castoriadis(16)
eine eklatante Doppelzüngigkeit -, in der Lage zu sein anzugeben, was der
weiteren Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft zweckdienlich, was im
Sinne dieser Entwicklung wünschenswert oder verboten sein soll:(17)
Verboten ist, die Budgetpolitik (d.h. die öffentlichen Ausgaben) zur Stützung
des Wirtschaftswachstums einzusetzen; verboten ist auch eine Erhöhung der Löhne
und Gehälter, um die Früchte des Wachstums anders zu verteilen; und verboten
ist auch eine weitere Verkürzung der Arbeitszeit, um das Gleichgewicht in der
Einkommensverteilung nicht zu stören. Wünschenswert hingegen sind weitere
Senkungen der Lohnnebenkosten und die Einführung einer Negativsteuer bei
Empfängern von Hungerlöhnen. Derartige Empfehlungen, wie sie unlängst (Dez.
2000) ein Beirat für ökonomische Analysen auf Bestellung der französischen
Regierung abgegeben hat, scheinen durchaus auf der Linie des Zeitgeistes zu
liegen. Mit exakter Wissenschaft hat dies nichts zu tun, viel aber mit Politik.
Im Namen der Wissenschaft berät der Experte den Prinzen im Sinne dessen, was
aus der Sicht der ‚neuen Ökonomie' normativ geboten ist. Längst vergessen ist,
was positivistische Wissenschaft einst vehement einforderte, nämlich die
Trennung von Deskriptivem und Präskriptivem. Dies doppelte Aufladung, die auch
das Verständnis der grundlegenden Kategorien beeinflußt,(18)
macht die heute herrschende Ökonomie für die wirklichen Herren so nützlich: das
aus der Perspektive des Kapitals Wünschenswerte, weil seinen Interessen
Zweckdienliche, kommt mit der Aura des wissenschaftlich Abgesicherten daher,
das keinen Widerspruch duldet. Wer sich in der hohen Wissenschaft nicht
auskennt, ist daher aus dem Dialog von vornherein eliminiert, hat den Mund zu
halten.
3. Reaktionen auf den offenen Brief
Wie
schon erwähnt, liegt der Protest der Ökonomie-Studenten gegen die ihnen
vermittelte Lehre in doppelter Fassung vor. Die erste Version wurde Ende Mai
2000 veröffentlicht, die zweite dann im November desselben Jahres. Weder der
Prozeß der Sammlung der Unterschriften noch die mit dem Protest verbundenen
argumentativen Kontroversen sind als abgeschlossen zu betrachten. Ein Blick auf
die bisherigen Ereignisse kann also lediglich den Stellenwert einer
Zwischenbilanz haben.
3.1 Identifikationen mit dem Appell
Die studentische Kritik an der universitären Ökonomie-Lehre hat ihre
Vorgeschichte in längeren Diskussionen, die im Anschluß an einen Vortrag an der
École Normale Superieure in Paris entstanden sind. Gegenstand dieser
Diskussionen war die Frage, ob das Wissen, das die übliche Lehre vermittelt,
auch hinreichend stichhaltig sei. Viele waren der Ansicht, daß die
mathematische Formulierung, auch wenn sie in gewisser Weise unverzichtbar sei,
zu einer realen Schizophrenie führe, wenn sie zu einem Ziel an sich werde.
Diese Diskussionen zogen sich über mehrere Wochen hin. Sie führten schließlich
zum couragierten Schritt, in einem offenen Brief den unkontrollierten Gebrauch
der Mathematik zu denunzieren und einen Pluralismus der ökonomischen Ansätze
einzufordern.(19)
Mitte
Juni des Jahres 2000 hatten 500 Personen den Appell unterschieben, einen Monat
später waren es 600, davon etwa hundert Ökonomie-Lehrende. Anfang Mai 2001 sind
es etwas mehr als 1500 gewesen, und die Sammlung der Unterschriften ist noch
keineswegs abgeschlossen. Sie erfolgt vor allem im Zusammenhang mit Informationsveranstaltungen
an einzelnen Universitätsstandorten, deren Gelingen keineswegs immer gesichert
ist, da die Gegner des Appells bisweilen mit Erfolg die Durchführung derartiger
Veranstaltungen zu verhindern wissen.
Der
Protest, der von der Hauptstadt ausgegangen ist, breitet sich mehr und mehr auf
die Universitätsstädte in der Provinz aus. Die Anzahl der geleisteten
Unterschriften ist zweifellos ein wichtiger Indikator für den Erfolg der
Petition, doch lediglich ein nachgeordneter. Denn das Hauptziel der Initiatoren
ist darauf ausgerichtet gewesen, eine Auseinandersetzung in die Öffentlichkeit
zu tragen, die bislang nur innerhalb der Grenzen der einzelnen Fakultäten
ausgetragen worden ist. Bislang nur von einzelnen Individuen artikulierte
Kritik präsentiert sich nun als Forderung eines Kollektivs, die nicht so ohne
weiteres zu übergehen ist. In der öffentlichen Diskussion, weniger in der Zahl
der geleisteten Unterschriften, sieht denn auch der Sprecher der rebellierenden
Gruppe das hauptsächliche Ziel der ganzen Aktion. Dieses Ziel hält er bereits
Ende Juni 2000, also nur wenige Wochen nach der Lancierung des Appells, für
erreicht.
Die
ausgelöste Diskussion ist nachzulesen in den Kommentaren, die in diversen
Presseberichten ihren Niederschlag gefunden haben. Von den 17 kommentierenden
Beiträgen, welche die Organisatoren der öffentlichen Kritik via Internet
(dokumentiert in http://www.paecon.net)
der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen, stammt mehr als die Hälfte aus der
Zeit der ersten Wochen nach der Veröffentlichung der ersten Version des offenen
Briefes. Einer Anfangsphase hitziger Auseinandersetzungen folgte also eine
zweite Phase, in der das Thema, möglicherweise auch bedingt durch die Sommerferien,
wieder etwas aus dem Rampenlicht verschwindet. Diese zweite Phase ist deswegen
nicht weniger wichtig, weil sie von den Kontrahenten vermutlich dazu benützt
wird, um ihre Argumentationsplattform abzusichern, Bündnispartner zu gewinnen,
was für in der Zukunft zu fällende Entscheidungen nicht unerheblich sein
dürfte. Mit solchen Entscheidungen ist frühestens nach der Vorlage des
Berichtes einer Expertenkommission zu rechnen, welche die Regierung mit dem
Studium der aufgeworfenen Probleme betraut hat. Dieser Bericht soll bis im Juni
2001 fertiggestellt sein. Wenn die verantwortlichen Stellen dann keinen
Handlungsbedarf zur Veränderung der Lehre im Bereich der Ökonomie sehen, dann
entscheiden sie sich für die Erhaltung des status quo. Kommt es zu einer anderen
Gewichtung der Prioritäten, so bleibt immer noch die Frage, inwiefern es
möglich ist, eine bei einer großen Mehrheit der Lehrenden eingespielte Praxis
der Lehre in einem bestimmten Fachbereich nachhaltig zu beeinflussen, wenn die
Lehrenden von der Notwendigkeit allfälliger Änderungen nicht auch selbst
überzeugt sind. Dies bedeutet wohl, daß administrative Entscheidungsprozesse
ohne Rückkoppelung an gleichbleibende oder anders gewichtete
Argumentationsprozesse ins Leere gehen müssen. So gesehen ist auf keinen Fall
zu erwarten, dass kurzfristige Debatten zu weitreichenden und nachhaltigen
Veränderungen führen können. Denn Veränderungen brauchen ihre Zeit, die
Stärkung gewisser Positionen auf Kosten anderer Positionen, die sich als
überholt erweisen können, ist ein konfliktreiches Aushandlungsgeschehen, wobei
nicht nur rationale, sondern auch weniger rationale Faktoren ausschlaggebend
sein können.
Im
Verlauf dieser Auseinandersetzungen melden sich neben neuen Kontrahenten auch
die rebellierenden Studenten selbst erneut zu Wort (zweite Version), um ihr
Anliegen zu verdeutlichen: warum die herrschende Lehre Ausdruck einer
autistischen Ökonomie ist, warum die imaginären Welten dieser Ökonomie
irreführend sind, warum die übertriebene Verwendung der Mathematik an der
Realität vorbeigeht.
3.2 Ein Gegen-Appell
Ende Oktober erscheint(20)
ein „Gegenappell zur Erhaltung der Wissenschaftlichkeit der Ökonomie",
unterzeichnet von 15 an diversen akademischen Institutionen Frankreichs
lehrenden Vertretern der ökonomischen Zunft. Der Gegenappell bezieht sich auf
den Vorwurf einer übertriebenen mathematischen Formalisierung und gesteht dann
zu, daß der Appell ein authentisches Problem thematisiere, nämlich die
wissenschaftliche Vorgangsweise in der Ökonomie. Doch sei diese Behandlung im
Appell reduktionistisch und führe zu einem parteilich gebundenen Angriff auf
ein Zentralstück der Disziplin, auf die als neoklassisch apostrophierten
Theorien. Ein solcher Angriff, so die Meinung der Unterzeichner, sei ein
Beitrag dazu, den wissenschaftlichen Charakter der Ökonomie in Frage zu
stellen. Im Anschluß daran werden drei Merkmale genannt, welche für die
traditionelle wissenschaftliche Vorgangsweise charakteristisch sein sollen: a)
Identifikation und genaue Definition der Begriffe sowie der für ökonomische
Tätigkeiten typischen Verhaltensweisen und die Angabe von grundlegenden
Hypothesen hinsichtlich dieser Verhaltensweisen, b) die Formulierung von
Theorien in der Gestalt der Formalisierung der funktionellen Verbindungen
zwischen den vorausgehend definierten Einzelfaktoren, und c) Verifikation
dieser Theorien durch die Erfahrung. Solange nicht das Gegenteil bewiesen sei,
konstituiere sich diese Erfahrung in der Ökonomie durch die Konfrontation mit
der quantifizierenden Geschichte, durch die Verwendung von Statistik und
Ökonometrie.
Erläuternd
wird dem hinzugefügt, daß für Bezugnahmen auf die Geschichte in der
ökonomischen Lehre Formalisierungen unverzichtbar seien, besonders jene, welche
die Verwendung der Mathematik ermöglichten. Die Formalisierung diene weder
dazu, verwerfliche politische Intentionen zu maskieren noch dazu, den Ökonomen
das Gefühl zu vermitteln, gesellschaftlicher Kritik enthoben zu sein.
Formalisierung diene allein der experimentellen Verifikation und sei ein Schutz
davor, daß die Ökonomie zu einem allgemeinen Diskurs verkomme, bei dem sich
weder etwas beweisen noch widerlegen lasse.
Der
Aufruf gegen das Modelldenken ist nach Ansicht der professoralen Defensoren des
status quo einer Logik verpflichtet, die einer „Theorie des Komplotts"
nahestehe: denn sie bemesse den Wert eines Forschungsergebnisses oder einer
Theorie nicht nach dem Grad der Übereinstimmung mit der Realität, sondern nach
der sozialen Herkunft oder den politischen Intentionen jener, die sie
vertreten. Dem folgt dann der Verweis darauf, daß der Rekurs auf die
Formalisierung weltweit zu den Selbstverständlichkeiten einer großen Mehrheit
der Kollegen gehöre. Daher sei Vernunft und das richtige Augenmaß nötig, um die
Debatte erneut einerseits auf die Angemessenheit jener Instrumente zu
fokussieren, die für die wissenschaftliche Arbeitsweise konstitutiv seien, und
andererseits vor allem auf das Gebiet der Pädagogik, wo auch der Protest der
Studierenden seinen Ursprung habe.
Dem
Titel des Gegenappells ist dessen Hauptstoßrichtung schon abzulesen: die
Absicherung der Wissenschaftlichkeit der Ökonomie. Diese sei daran gebunden,
sich an der traditionellen wissenschaftlichen Vorgangsweise zu orientieren, die
durch die Angabe der oben erwähnten drei Merkmale charakterisiert sei. Die
Nennung dieser drei Merkmale löst bei den Studierenden Verwunderung aus und sie
stellen sich erstaunt die Frage, ob denn die Unterzeichner des Gegenappells
sich auf dieselben Universitäten beziehen wie die ursprüngliche Kritik der
Studenten. Letztere stellen lebhaft in Abrede, daß die unter a) und c)
genannten Punkte in den Lehrveranstaltungen je eine nennenswerte Rolle spielen:
Eine Klärung der Begriffe gebe es ebensowenig wie eine Behandlung der
Beziehungen zwischen den Variablen des Modells und jenen, die dann in den
empirischen Tests verwendet werden.
Für
die Verfasser des Gegen-Appels gibt es keinerlei Probleme
wissenschaftstheoretischer Art, sondern höchstens pädagogische
Unzulänglichkeiten, die zur Aufruhr der Studierenden geführt hätten. In der
Substanz ähnlich argumentiert auch R. Solow in seinem Beitrag von Anfang Jänner
2001.(21)
Er gibt zunächst zwar vor, der These der Studierenden im wesentlichen
zuzustimmen. Daß er diese These aber selektiv rezipiert, signalisiert schon der
Titel seines Beitrags: „Wirtschaftswissenschaft zwischen Empirismus und
Mathematisierung." Für das erstgenannte Anliegen des studentischen
Protestes, die Preisgabe der imaginären Welten, die den Horizont einer
naturwissenschaftlich sich gebärdenden Ökonomie bilden und sie auch
legitimieren, zeigt R. Solow ebenfalls keinerlei Verständnis. Er hält damit
verbundene Diskurse für opak, für unverständlich und ideologisch. Dies ergibt
sich notwendigerweise aus seiner Fixierung auf jenes Selbstverständnis einer
Ökonomie, die eben die Zielscheibe der studentischen Rebellion ist: Die
angewandte Ökonomie besteht, so Solow, in einer Reihe von Modellen, d.h.
vereinfachten Vorstellungen über die Realität. Der Großteil dieser Modelle sei
in mathematischen Begriffen formuliert. Dann aber wechselt Solow seine
Argumentationsweise: „Wenn man eine relativ komplexe Situation analysieren
will, deren Hauptmerkmale quantitativer (numerischer) Natur (Preise,
produzierte Mengen, Zinssätze, Beschäftigung, Grad der Ungleichheit.....) sind
und man versucht, die Gesetze der Logik zu respektieren, dann ist die
Mathematik ein unverzichtbares Instrument". Solows Fixierung auf die
„traditionelle wissenschaftliche Vorgangsweise" ergibt sich auch aus
seinen Forderungen, an denen er die Tauglichkeit alternativer Ansätze mißt. Sie
müßten den Regeln der Logik gehorchen, die Fakten respektieren und sparsam in
der theoretischen Argumentation sein. Mit anderen Worten: ein gutes Modell muß
in der Lage sein, eine große Zahl von Fakten zu erklären und dabei nur eine
begrenzte Anzahl von Hypothesen verwenden. Denn die alleinige Annahme, daß
Gegenstände eine Tendenz hätten, auf den Boden zu fallen, sei noch kein
Fortschritt für die Theorie der Gravitation. Das Theorieverständnis dieser
traditionellen Wissenschaft, das der Mainstream der Ökonomen auch heute noch
postuliert, ist das Theorieverständnis des 18. Jahrhunderts, das sich am
Vorbild Newtons orientierte: die Tatsachen beschreiben und diese auf allgemeine
Prinzipien zurückführen. Wenn Solow es auch für wünschenswert hält, die echten
Bedürfnisse der Studierenden befriedigt zu sehen, so keineswegs um den Preis,
dadurch die notwendige wissenschaftliche Strenge zu gefährden.
Allein
schon deswegen, weil die Bedeutung mathematischer Formalisierung in Frage
gestellt wird, von einem Angriff auf ein Zentralstück der neoklassischen
Theorie zu sprechen, erweist sich als eine auch historisch unhaltbare
Argumentation. Denn Neoklassik steht für jene Neuorientierung - auch als
marginalistische Revolution bezeichnet -, die gleichzeitig in England, der
Schweiz und in Österreich stattgefunden hat. Von diesen drei Schulen, welchen
die Fundierung der Neoklassik zugeschrieben wird, bedienten sich zwar die
Schulen von Cambridge und Lausanne der mathematischen Verfahrensweise,
keineswegs aber die österreichische Schule. Während für Jevons und Walras die
Ökonomie mit der Verwendung der Methoden der Naturwissenschaft, insbesondere
jener der Physik, in das Zeitalter der Reife eintritt, äußert Menger ganz im
Gegensatz dazu größte Bedenken.(22)
Hayek hält dann später die Mathematik bestenfalls für Zwecke der Illustration
geeignet, die Hauptbereiche der ökonomischen Phänomene entziehen sich für ihn
jedoch der mathematischen Formalisierbarkeit. An dieser Geringschätzung des
Nutzens der Mathematik für die Ökonomie hat Hayek unbeirrt sein ganzes Leben
lang festgehalten. Wenn die Mathematisierung der Ökonomie zu den wichtigen
Kernstücken der Neoklassik gehören soll, so können heutige Gegner der
Mathematisierung sich immer auch auf andere prominente Vertreter der Neoklassik
berufen, um ihrer Ansicht mehr Gewicht zu verleihen.
3.3 Inkompatible Positionen
Auseinandersetzungen jeglicher Art pflegen für gewöhnlich damit zu enden, daß
sich der Stärkere durchsetzt und vorübergehend wieder Ruhe einkehrt. Das ist so
bei rivalisierenden Tieren, wenn es um die Führung eines Rudels geht, wobei es
je nach species unterschiedlich geregelt ist, ob der unterlegene Kontrahent
sein Leben verliert oder die Flucht ergreifen darf. Auch Konflikte unter
Menschen werden nach bestimmten Regeln ausgetragen, die jedoch feldspezifisch
besonderer Art sind. Die Regeln des Stadions sind andere als die des
Parlamentes, wieder anders sind die Regeln, die vor Gericht zu beachten sind
und jene, die für wissenschaftliche Auseinandersetzungen gelten. Im Parlament setzten
sich jene durch, die für die Abstimmung das größte Stimmenpotential
mobilisieren können, vor Gericht jene, die ihre Position am eloquentesten
darzulegen vermögen, wobei offensichtlich an der Prämisse nicht gerüttelt
werden darf, es gehe ausschließlich um Fragen des Rechts und der Gerechtigkeit.
Der Ausdruck „Klassenjustiz" deutet jedoch darauf hin, daß in der Realität
sehr wohl auch rechtsfremde Momente die Rechtsfindung beeinflussen können. Dies
ändert nichts daran, daß die Aufrechterhaltung des Glaubens an Recht und
Gerechtigkeit unverzichtbar ist, weil dieser Glaube für die Legitimierbarkeit
des Rechtssystems konstitutiv ist.
Für
das wissenschaftliche Feld ist die Annahme konstitutiv, daß prinzipiell alle
Wahrheiten relativ und Aussagen nur so lange gültig sind, bis Beweise
vorliegen, daß bestimmte Sätze falsch oder unvollständig sind und durch besser
beweisbare Aussagen zu ersetzen sind. Alle in diesem Feld Tätigen sind Diener
einer besseren Erkenntnis der Welt, wobei Lehre von der Forschung lebt, sich in
der Lehre die einzelnen Disziplinen selbst reproduzieren und durch Forschung
ihren Wissensstand erweitern.
Mit der Annahme, Wissenschaft lebe von Argumenten und
Beweisen, erhält die Frage, was als Argument und Beweis gilt, eine besondere
Bedeutung. Nach herkömmlicher Vorstellung stützen sich Argumente und Beweise
auf logische Operationen und die Vermessung von Objekten in der realen Welt.
Dabei erhebt sich die Fragen nach dem Verhältnis von Messen und Beweisen. Oder
anderes formuliert: Ist der Akt des Messens auch schon identisch mit dem Akt
des Beweisens? Am Beispiel einer Kontroverse zwischen Th. Hobbes und R. Boyle
läßt sich zeigen, daß sie diesbezüglich konträre Positionen vertreten haben.
Hobbes, der politische Philosoph, vertrat die Ansicht, daß eine hinreichend
klare mathematische Demonstration die einzige Methode sei, um andere in eine
Situation zu bringen, in der sie zustimmen müssen. Anders Boyle, der lange
Jahre mit physikalisch-chemischen Experimenten zubrachte und als einer der
wichtigen Wegbereiter der experimentellen Naturwissenschaft anzusehen ist. Im
Sinne einer para-iuridischen Metapher ist für ihn die Lösung eines Problems
erst dann bewiesen, wenn bei der Durchführung des Experiments gut situierte,
vertrauenerweckende Zeugen anwesend sind, und sie in gutem Glauben die Existenz
einer Tatsache bestätigen, auch wenn sie deren wirkliche Natur nicht verstehen.
Damit erfindet Boyle, wie B. Latour feststellt, „den empirischen Stil, den wir
auch heute noch verwenden"(23)
Für
die moderne Meßtheorie sind derartige Kontroversen lediglich ein historisches
Kuriosum. Sie begnügen sich üblicherweise mit dem Rekurs auf die beiden Kriterien
der Reliabilität und der Validität, wobei vor allem das Validitätskriterium
erhebliche Probleme mit sich bringen muß. Denn es verlangt, daß eine Messung
wirklich das messen muß, was sie zu messen vorgibt. Mit dem Verweis auf die
„Wirklichkeit" ergeben sich erhebliche Probleme. Denn die Frage nach dem
Wirklichen kann man für unproblematisch ansehen, aber mit guten Gründen auch
als unlösbares Problem, wie aus der Geschichte der Philosophie bekannt ist.
Unter Außerachtlassung aller philosophischen Implikationen wird heute das zu
Messende repräsentiert durch eine theoretische Größe, einen abstrakten Begriff.
Im Gegensatz zur exakt abgegrenzten eindeutigen Zahl sind abstrakte Begriffe
sprachliche Symbole, denen das Merkmal der Eindeutigkeit prinzipiell abgeht.
Bei allen Vorzügen, die dem wissenschaftlichen Empirismus zuzugestehen sind,
erliegt er, wie schon Hegel bemerkte, einer grundsätzlichen Täuschung: er
bedient sich metaphysischer Kategorien wie Materie und Kraft, jener des Einen,
Vielen, Allgemeinen, auch Unendlichen usf., am Faden solcher Kategorien zieht
er weitere Schlüsse, wobei er „die Formen des Schließens voraussetzt und
anwendet und bei allem nicht weiß, daß er so selbst Metaphysik enthält und
treibt und jene Kategorien und deren Verbindungen auf eine völlig unkritische
und bewußtlose Weise gebraucht".(24)
Wissenschaft
orientiert sich an einem abstrakten Wahrheits- bzw. Richtigkeitsideal, lebt vom
Anspruch, belegte, aber immer auch revidierbare Aussagen über einen
Gegenstandsbereich, im weitesten Sinne über die Welt, zu machen. Für das
wissenschaftliche Feld ist daher ein Nebeneinander konkurrierender Aussagen,
die behaupten, richtig und wahr zu sein, konstitutiv. Ähnlich anderen Feldern
hat jedoch auch das wissenschaftliche Feld seine konkrete Geschichte und
Ordnung, gehorcht eigenen Regeln, sich eine Struktur zu geben und diese
Struktur gegebenenfalls auch zu ändern, flexibel zu halten. Wissenschaft
verhält sich zur wissenschaftlichen Ordnung nach J. Bouveresse(25)
wie die Moral zur moralischen Ordnung. Wissenschaft und Moral sind abstrakte
Allgemeinbegriffe, die in einem bestimmten Verhältnis zu den ihnen
entsprechenden konkreten Ordnungen stehen, aber keineswegs mit ihnen identisch
sind. Mit dem Begriff der Wissenschaft ist die Vorstellung einer „republique
des lettres" eng verwandt, die nach den Gesetzen des strengen Denkens, der
intellekturellen Redlichkeit, der Unparteilichkeit und der Objektivität
funktioniert. Den Glauben, daß diese Republik der Gelehrten dem Ideal der
Demokratie näher komme als andere Felder, hält J. Bouveresse für einen frommen
Wunsch, der eine real gegenläufige Entwicklung kaschiere. Die Bürger dieser
Republik, die Intellektuellen, postulierten zwar für alle Bereiche mehr
Demokratie und Transparenz, allerdings mit der Ausnahme des eigenen. Demokratie
sei gut für die Gesellschaft, aber nicht so bedeutend für den Vollzug der Wissenschaft,
bei dem sich eher oligarchische, hierarchische und tribusartige
Organisationsformen bewährt hätten, die zudem in vieler Hinsicht auch mafiose
Merkmale aufwiesen. Für J. Bouveresse ist keine Regierung so wenig
republikanisch wie die „republique des lettres", wo Klientelismus,
Kameraderie, Akkumulationspraktiken und Korruption das Tagesgeschehen
bestimmen.
Beim
Streit um die Angemessenheit der universitären Ökonomie-Lehre, den die
Studierenden angezettelt haben, geht es sowohl um Fragen der Wissenschaft wie
auch um Fragen der wissenschaftlichen Ordnung, wobei es nicht so ohne weiteres
klar ist, wovon jeweils die Rede ist. Die Ausgangssituation entspricht zunächst
einmal einer typischen David-Goliath-Konstellation. Auf der einen Seite eine
relativ bedeutungslose studentische Minorität, auf der anderen die professorale
Majorität. Der Vorwurf der Minorität an die Adresse der Majorität ist nicht
unerheblich, wenn er impliziert, die vertretene wissenschaftliche Konzeption
verfehle den anvisierten Gegenstandsbereich. Weil Argumente mehr Gewicht
bekommen, wenn die Zahl derer größer wird, die sie vertreten, mobilisiert der
kleine David potentielle Sympathisanten und trägt seine Forderung ins Licht der
Öffentlichkeit. Die Mobilisierungserfolge führen dazu, daß aus der
ursprünglichen Mini-Revolte der Studierenden gegen die orthodoxe Lehre eine
Konfliktsituation anderer Art entsteht. An die Stelle des ursprünglichen
Gegensatzes von Studierenden-Lehrenden tritt nun eine Konfrontation von
Vertretern des status quo und solchen, die dessen Veränderung für unerläßlich
erachten. Wer in diesem Konflikt zwischen Orthodoxie und Heterodoxie die
besseren Chancen hat, sich durchzusetzen, läßt sich schwer abschätzen. Deutlich
sichtbar ist jedoch, daß hinter unterschiedlichen Argumentationen von
Orthodoxie und Heterodoxie sich Positionen verbergen, die weitgehend
unvereinbar sind und sich auf dem Weg der friedlichen Suche nach einem
Kompromiß in der Mitte nicht lösen lassen werden.
4. Festung Orthodoxie
Beim
Streit um die Doxa, d.h. die vertretbare und richtige Lehre in der Ökonomie,
geht es vordergründig um das, was im Namen der Wissenschaftlichkeit
unverzichtbar sein soll oder diese im Falle der Absenz in ihrer Existenz
gefährdet. Auf der einen Seite stehen die Herausforderer mit ihrer These, die
heute etablierte Doxa führe zur Schizophrenie, auf der anderen Seite die
Verteidiger der Bastion, die behaupten, jede Abweichung von ihr bringe eine
Gefährdung der Wissenschaftlichkeit mit sich. Die Stärke der Verteidigung ist
keineswegs eine überzeugendere Beweisführung, sondern die besondere Art der
Verbundenheit des Faches mit der sozioökonomischen Umwelt.
4.1 Hüter der wissenschaftlichen Ideale
Der Aufruf der Studierenden enthält sowohl eine Forderung wie auch eine
Ablehnung. Er verlangt für die Lehre einen Pluralismus der Ansätze und lehnt
die Monopolstellung der heute vertretenen neoklassischen Doktrin ab. Diese
vehemente Ablehnung der Doxa stützt sich auf zwei besondere Aspekte: auf ihre
Prämissen und die mit ihr verbundenen Konsequenzen. Zu den Prämissen gehören
die Axiome, auf denen die Modelle beruhen und die impliziten politischen
Voraussetzungen, die in der Vermittlung einer bestimmten Sicht der Welt, des
Menschen und der Gesellschaft enthalten sind. Zu den mit der Doxa verbundenen
Konsequenzen erwähnen die Verfasser des offenen Briefes auf die Tatsache, daß
es auf dieser Basis nicht möglich sei, sich an den politischen Debatten über
die zentralen Wirtschaftsfragen der Gegenwart wie Arbeitslosigkeit,
Ungleichheiten, Finanzen, Marktfreiheit etc. zu beteiligen. Als Oberbegriff für
diese Prämissen und Konsequenzen fungiert im Studentenprotest die Kategorie des
Imaginären, also die Summe der Vorstellungen und Horizonte, welchen die
Neoklassik verpflichtet ist, die auch mit ihrer Lehre weitervermittelt werden.
Dazu kommt außerdem noch, daß sich die Ökonomen von ihrer schmalen Basis aus
als universelle Ratgeber betätigen, eine Diskussion der Wertbezüge jedoch als
nicht zum Feld der positiven Wissenschaften gehörig bezeichnen.
Die
offizielle bzw. offizöse Antwort im professoralen Gegenappell und den
Stellungnahmen anderer zugunsten der Orthodoxie befassen sich ausführlich mit
dem zweiten Kritikpunkt der Studierenden, der überzogenen Mathematisierung, nie
aber mit dem Hauptanliegen, dem Imaginären der Neoklassik. Es ist durchaus
möglich, daß hier ein echtes Problem des Verstehens vorliegt, daß die eine
Seite etwas sagt, und die andere gar nicht versteht, was gesagt worden ist. Es
kann aber auch sein, daß die Angesprochenen sich von vornherein nicht auf eine
Diskussion einlassen wollen, die sie mit großer Wahrscheinlichkeit nicht so
ohne weiteres zu dominieren in der Lage sein werden. Dies umso mehr, als die
Gesprächsverweigerung im Rahmen einer quantitativ fundierten
Wissenschaftskonzeption sich bestens legitimieren läßt: was jenseits des der
Mathematik Zugänglichen liegt, ist wissenschaftlich unerheblich. Daher ist die
Kontroverse um die Lehre der Ökonomie auch eine Kontroverse über das, was
Wissenschaft ist. Auf der einen Seite stehen jene, die negieren, daß diese
Ökonomie überhaupt eine Wissenschaft ist und daß es ökonomische Gesetze gibt
(vgl. A. Orléan), und auf der anderen Seite jene, welche in dieser auf ein
mechanistisches Weltbild beschränkten Konzeption die Apotheose von Wissenschaftlichkeit
sehen.
Derartige
Auseinandersetzungen um das, was Wissenschaft ist und sein soll, sind
historisch gesehen kein Novum. Was als Wissenschaft gilt, ist jeweils abhängig
von der Epoche, in der sie betrieben wird. Die Idealbilder der Wissenschaft
sind zeitabhängig, was auch mit sich bringt, daß sich der Stellenwert der
einzelnen Wissenschaftsdisziplinen im Lauf der Zeit verändert. Über lange
Jahrhunderte waren zuerst die Theologie und dann die Philosophie die
dominierenden Wissenschaften. Seit dem 17. Jahrhundert sind mehr und mehr die
Naturwissenschaften in den Vordergrund gerückt, die nun auch die neuen Maßstäbe
des wissenschaftlich Exemplarischen bereitstellen.
So ist es nicht verwunderlich, daß auch die Ökonomie als
wissenschaftliche Disziplin unterschiedliche Konjunkturen kennt. Nach einer
Phase des Aufschwungs ist sie ab der Mitte des 19. Jahrhunderts in eine
kritische Phase geraten, die dazu führte, daß Francis Galton ihren Ausschluß
aus der British Association for Science verlangte.(26)
Das letzte bedeutende Werk der Klassik, John Stuart Mills' Principles of
political economy 1848, verlor an Bedeutung erst mit der Publikation der Principles
of economics 1890 durch Alfred Marshall. Bis zum Ende des ersten
Weltkriegs verblieb die politische Ökonomie in einer Phase andauernder
Schwäche. Bei den Bemühungen um eine solide Neukonstituierung zwischen 1890 und
1920 spielten die Versuche, durch die Berücksichtigung soziologischer Elemente
wieder neu Tritt fassen zu können, eine wichtige Rolle.
Für
William Stanley Jevons war es wichtig, bei einer Erneuerung der ökonomischen
Wissenschaften evolutionäre Gesichtspunkte stärker zu berücksichtigen, wobei er
sich der Soziologie Herbert Spencers anzuschließen suchte und jene von Auguste
Comte relativierte. Die dadurch bedingte Erweiterung der Perspektiven und
Ausweitung des Objektbereiches führte dazu, daß er den Vorschlag machte, die
Ökonomie sollte sich künftig arbeitsteilig organisieren: die Ökonomen sollten
sich entweder für eine abstrakte Ökonomie entscheiden oder für eine konkrete
Ökonomie. Spezialisierung sei nötig, um nicht alles wissen und alles lehren zu
müssen. In der zweiten Auflage seiner Theory, bei der er den Begriff
einer economic sociology verwendet, unterscheidet er fünf Teilbereiche
der politischen Ökonomie: Handelsstatistiken, die mathematische Theorie der
Ökonomie, eine systematische deskriptive Ökonomie, eine ökonomische Soziologie
und die öffentlichen Finanzen. Die polemische Spitze dieser neuen Einteilung
war darauf gerichtet, einer historisch orientierten Ökonomie eine Absage zu
erteilen zugunsten einer Wissenschaft, die sich mit der Evolution der sozialen
Beziehungen beschäftigte (was H. Spencer als Soziologie bezeichnete).
Dieser
kurze Rückblick auf die Frühphase der Neoklassik mag dazu dienen, die heute
anscheinend so wichtig gewordene Frage nach der Wissenschaftlichkeit der
Ökonomie etwas differenzierter angehen zu können. 1876, zum hundert-jährigen
Jubiläum des „Reichtum der Nationen", hatte sich die Ökonomie als
Wissenschaft in einer existenzgefährdenden Krise befunden. Eine sich über
mehrere Jahrzehnte hinziehende Refundierung orientiert sich an den Arbeiten von
Jevons, Walras und Menger, sucht Anschluß an Früheres, will sich aber auch
deutlich davon unterscheiden. Der hauptsächliche Unterschied zwischen dem
Füheren, der Klassik, und dem Neuen, der Neoklassik, ergibt sich aus
unterschiedlichen Konzeptionen der Arbeitswertlehre. Für die Klassiker ließ
sich der Wert eines Objektes und damit auch sein Preis aus der Menge von Arbeit
bestimmen, die zu seiner Herstellung erforderlich gewesen ist. Die Neoklassik
sieht dies anders: der Preis eines Objektes hängt nicht mit der dafür
notwendigen Menge an Arbeit zusammen, sondern mit der Lust, die damit für den
Käufer verbunden ist, oder allgemeiner formuliert, mit der Nützlichkeit. Diese
Nützlichkeit wird für eine quantifizierbare Größe gehalten, deren Analyse mit
den Mitteln der Mathematik zu erfolgen hat.(27)
Die
Zweihundertjahrfeier des „Reichtum der Nationen" 1976 markiert für die
Ökonomie als Wissenschaft neuerdings eine Trendwende, wobei es diesmal nicht um
eine Rettung in der Krise geht, wie hundert Jahre zuvor, sondern darum, die
gegebenen Chancen zu nutzen, sich in der scientific community rangmäßig zu
verbessern. Die günstigen Chancen für eine Neupositionierung haben sich aus den
Wirtschaftskrisen der 70er Jahre ergeben. Diese ließen es als unumgänglich erscheinen,
nach einer Neuorientierung zu suchen und am bisherigen Kurs sozialstaatlicher
Steuerung bestimmte Korrekturen anzubringen. Neoliberale Strömungen, seit der
Nachkriegszeit bereits in den Startlöchern im Wettlauf um mehr Einfluß auf
Wirtschaft und Gesellschaft, fanden endlich Gehör, zunächst einmal in den
angelsächsischen Ländern, dann im Rest der Welt. Dies führte zur Ehe der
neoklassischen Ökonomie mit der neoliberalen Weltanschauung, mit Reagan und
Thatcher als Trauzeugen, wobei das historische Erbe der theoretischen
Refundierung der Disziplin vom Ende des vorigen Jahrhunderts allerdings recht
selektiv angeeignet worden war. Von den beiden Möglichkeiten bei Jevons, sich
arbeitsteilig mehr für eine abstrakte oder mehr für eine konkrete Ökonomie entscheiden
zu können, blieb lediglich die abstrakte Option übrig mit ihrer starken
Fokussierung auf die mathematische Theorie der Ökonomie, einem der fünf
Teilbereiche der politischen Ökonomie (bei Jevons). Ähnlich verhält es sich bei
L. Walras, bei dem sich wohl eine ausgeprägte Mathematisierung der ökonomischen
Theorie findet, doch ist diese nur ein Teil seiner ökonomischen Konzeption.
Neben der reinen Ökonomie stehen bei ihm die angewandte Ökonomie und die
Sozialökonomie, und was seine politische Grundorientierung betrifft, so wurde
er zu seinen Lebzeiten den Sozialisten zugerechnet.
Mit
der Berufung auf die neoklassische Tradition allein läßt sich die mathematische
Überfrachtung der zeitgenössischen Ökonomie also keineswegs verteidigen. Wenn
sie trotz massiver Einwände, die immer wieder vorgetragen worden sind,
weiterhin unangefochtener Bezugspunkt dessen ist, was als „ökonomisch
korrekt" zu gelten hat, so läßt sich dies am besten dadurch erklären, daß
diese Doktrin den Interessen jener entgegenkommt, die in der realen Ökonomie
das Sagen haben. Die Berufung auf eine abstrakte Wissenschaftlichkeit erfüllt
somit eine doppele Funktion. Sie entlastet die Bewohner des elfenbeinernen
Turmes einerseits von der Aufgabe, über die Gartenzäune ihre Disziplin hinauszusehen
und zur Kenntnis zu nehmen, zu welchen konkreten Ergebnissen die Theorie führt.
Die reine Wissenschaft ist objektiv, kann daher keine Gewissensbisse kennen und
ist niemals politisch. Neben der Befreiung von allem, was mit
Verantwortlichkeit zu tun hat, ist jedoch gerade diese Wissenschaft geeignet,
allen Absurditäten der modernen Real-Ökonomie den Anschein des Notwendigen und
Unausweichlichen zu geben und so allen Fragen nach ihrer Legitimation den Boden
zu entziehen. Diese Symbiose von Wissen und Macht ist jedoch nur dann von
Dauer, wenn die Wissenschaftlichkeit des dienstbaren Wissens außer Frage steht.
Daher auch die Hauptsorge der Verfasser des Gegenappells: der
Wissenschaftlichkeit der ökonomischen Lehre um jeden Preis, vor allen anderen
Aspekten, absolute Priorität einzuräumen.
4.2 Das symbolische Kapital
Die Verteidigungslinien zur Absicherung der orthodoxen Position sind so
angelegt, daß sich über vieles reden läßt, aber nicht über das, was die
Wissenschaftlichkeit der Ökonomie in Frage stellen könnte. Warum dies so ist,
dazu finden sich keinerlei Begründungen. Solche Begründungen müßten sich auf
das Selbstverständnis jener beziehen, die wissenschaftliche Tätigkeiten ausüben
und normalerweise nur schwer in der Lage sind, ihr Selbstverständnis zu
explizieren. Dies führt zu einer etwas absurden Situation. Denn einerseits läßt
sich mit wissenschaftlichen Mitteln nicht eindeutig abgrenzen, was Wissenschaft
ist und was nicht. Andererseits aber ist es unumgänglich, für die Praxis der
Wissenschaft die Grenzen dieses Feldes gelegentlich neu zu bestimmen, weil das
abstrakte Ideal von Wissenschaftlichkeit jeweils nur in einer konkreten
wissenschaftlichen Ordnung eine sichtbare Gestalt annehmen kann.
Wenn von wissenschaftlicher Ordnung die Rede ist, so steht
Ordnung für jene historische Gewordenheit, für die manche auch den Begriff des
Chaotischen verwenden. Im wissenschaftlichen Feld finden stets Veränderungen
statt, immer im Namen der Wissenschaft. Je glaubwürdiger jemand in der Lage
ist, sein Tun als wissenschaftlich auszuweisen, umso gewichtiger sind seine
Aussagen. Für die orthodoxen Ökonomen ist Wissenschaftlichkeit gleichbedeutend
mit mathematischer Formalisierung, wie dies in den sogenannten exakten
Disziplinen der Fall ist. Mathematisierung ist dabei eine Vorgangsweise, die
auf Algorithmen der Differential- und Integralrechnung zurückgreift, deren Ziel
allein darin besteht, natürliche Phänomene im Sinne der mathematischen
Erkennbarkeit (Intelligibilität) zu rekonstruieren. So werden diese Phänomene mittels
Modellbildung dem Bereich der quantitativ bestimmbaren Gesetze unterworfen und
sollen abgesicherte Voraussagen ermöglichen. Mathematisierung bedeutet
außerdem, natürliche Phänomene in einer systematisierten Form von Theoremen,
Propositionen und Resultaten darzustellen. Exemplarisch hat dieses deduktive
Ideal der Mathematisierung und, damit korrespondierend, die Konstitution einer
mathematischen Physik, erstmals Lagrange 1788 in seiner Mécanique analytique
durchgeführt.(28)
Diese
mathematische Physik wird, in Anbetracht des Aufwandes, der damit verbunden
ist, sich in sie einzuarbeiten, zur Sache der wenigen, die dies zu tun in der
Lage sind. Wer nicht die erforderlichen mathematischen Vorkenntnisse mitbringt
und außerdem mit den philosophischen Problemen der Mathesis universalis(29)
vertraut ist, der ist aus dem kleinen Kreis derer ausgeschlossen, welche die Probleme
der modernen Physik verstehen können und zur Mitsprache befugt sind. Eine
solche Wissenschaft, die mit dem Nimbus des Erhabenen und Überlegenen umgeben
ist, ist aber auch weit davon entfernt, für den Normalbürger nachvollziehbar zu
sein. Zwischen dem, was Gegenstand derartiger Wissenschaft ist und dem, was für
den Alltag konstitutiv ist, tun sich unüberwindbare Gräben auf.
Präsentiert
sich die Ökonomie in einer ähnlich mathematisierten Form, so bringt dies die
gleichen Folgeerscheinungen mit sich: Unverständnis bei Nicht-Eingeweihten, die
jedoch schwerlich Bewunderung und Respekt dem vorenthalten können, was sie
nicht verstehen. Die Unverständlichkeit der Ökonomie wird noch verstärkt durch
die Kombination von Mathematik und englischsprachiger Fachterminologie, einem
zusätzlichen Imperativ für alle jene, die heute in der scientific community der
Ökonomen Heimatrecht erwerben wollen. Die Chancen der Ökonomen, mit der
Außenwelt der Nicht-Ökonomen erfolgreich kommunizieren zu können, müssen unter
solchen Umständen gegen Null konvergieren. Möglicherweise hat dies auch sein
Gutes an sich, ähnlich wie das Kirchenlatein des Klerus in früheren Zeiten, das
keineswegs nur dysfunktional gewesen ist. Denn Unverständlichkeit ist durchaus
eine solide Basis wenn nicht sogar eine Voraussetzung dafür, den Glauben an und
die Bewunderung für das Mysteriöse zu vertiefen. Wenn solide Kenntnisse der
Mathematik zu den hohen Eintrittshürden in die wissenschaftliche Ökonomie
gehören, so bedeutet dies für alle mathematisch nicht ausreichend
Vorgebildeten, sich in Sachen Ökonomie Zurückhaltung auferlegen zu müssen.
Dieser Zusammenhang hat aber auch seine Kehrseite: ein Student, der mit der
Mathematik bestens vertraut ist, kann bei Prüfungen hervorragende Benotungen
erhalten, ohne daß er auch schon notwendigerweise die ökonomischen Mechanismen,
die im Spiel sind, verstanden hätte.(30)
Aus
dem Bereich der Astronomie ist bekannt, daß dort bisher unbekannte Himmelskörper
entdeckt wurden, deren Existenz zunächst einmal lediglich auf Grund von
mathematischen Berechnungen postuliert worden ist. Von ähnlichen erfolgreichen
Vorgriffen auf noch nicht sichtbare Fakten ist aus dem Bereich der
wissenschaftlichen Ökonomie wenig bekannt. Hier scheinen die Verhältnisse
invers gelagert zu sein, wenn die großen Steuermänner der Weltwirtschaft
wichtige Entscheidungen auf der Basis ihrer Intuition zu treffen haben. So hat
unlängst Stephen Roach, der Chef-Ökonom von Morgan Stanley Ben Witter, im
Hinblick auf A. Greenspan gesagt, „man muß aufhören zu glauben, daß er über
magische Kräfte verfügt. Er ist der erste, der behauptet, daß die Ökonomie eine
sehr unsichere Wissenschaft ist und es viel Geschicklichkeit und Glück braucht,
eine gute monetäre Politik zu finden".(31)
Jene, welche die bisweilen rätselhafte Sprache Greenspans zu entschlüsseln
versuchen, sollten sich seiner Devise erinnern, auf deren Grundlage er für die
Zukunft angemessene Entscheidungen trifft: „Wenn ihr das verstanden habt, was
ich sagen will, so heißt das, daß ich mich schlecht ausgedrückt habe".(32)
Ähnlich wie beim Orakel von Delphi.
Es
gibt also einige Anzeichen dafür, daß die Mathematisierung der Ökonomie vor
allem mit den Ambitionen dieser Disziplin zu tun hat, sich in die Reihe der
Naturwissenschaften eingliedern zu wollen. Ein solcher Wunsch ist verständlich
in Anbetracht der hohen Reputation, die den Naturwissenschaften auch heute noch
zukommt, wenn auch möglicherweise in geringerem Ausmaß als Ende des vorigen
Jahrhunderts. 1896 gründete der schwedische Chemiker und Geschäftsmann Alfred
Nobel mit seinem beträchtlichen Vermögen einen Fonds, um alljährlich auf den
Gebieten der Physik, Chemie und Medizin die bedeutendsten Entdeckungen zu
prämiieren und außerdem im Bereich der Literatur das herausragendste Werk mit
einer idealistischen Tendenz. Wer am meisten für die Annäherung der Völker
leistet, sollte ebenfalls mit einem Preis bedacht werden. Wohl nicht nur
deswegen, weil die Ökonomie im damaligen universitären Leben mit
Existenzproblemen zu kämpfen hatte, stand die Frage einer Prämiierung
ökonomischer Leistungen gar nicht zur Diskussion. Wichtiger ist, daß damals die
Ökonomie als ein Teil der Gesellschaft gegolten hat, aber keineswegs als ihr
wichtigster und alle anderen Bereiche dominierender.
Fast
siebzig Jahre nach dem Tod Nobels hatte 1968 Per Asbrink, damals Gouverneur der
schwedischen Reichsbank, die glorreiche Idee, sich an den internationalen Ruhm
der Nobelpreise anzuhängen.(33)
Anläßlich des 300jährigen Bestehens der Reichsbank stiftete diese daher den
„Nobelpreis" für Ökonomie, zunächst einmal „Preis der Zentralbank
Schwedens für die ökonomische Wissenschaft zum Andenken an Alfred Nobel"
genannt. Dank der geschickten Etikettierung dieses Bankpreises als Nobelpreis
und Ähnlichkeiten im Auswahlverfahren und der Dotierung der richtigen
Nobelpreise verleiht nun die Königlich Schwedische Akademie jährlich auch die
Nobelpreise im Bereich der Ökonomie. Ganz ohne Einwände ging dieses trickreiche
Spiel jedoch nicht über die Bühne. Nach Peter Drucker „gibt es keinen größeren
Blödsinn als den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Das ist so, als
hätte man im 17. Jahrhundert einen Nobelpreis für Physik verliehen"
(a.a.O.). Zahlreiche Naturwissenschaftler waren damals der Meinung, die
Ökonomie sei noch viel zu spekulativ für einen Nobelpreis. Gunnar Myrdal, ein
damals vor allem in Entwicklungsfragen weltweit anerkannter schwedischer
Ökonom, stimmte erst nach langem Zögern der Einrichtung eines solchen Preises
zu, möglicherweise deswegen, weil er insgeheim damit wohl auch an einen Preis
für sich selbst gedacht hat.
1969
erhielt der Norweger Ragner Frisch den ersten Nobelpreis für Ökonomie, 1974
wurde dieser dann gleichzeitig an Gunnar Myrdal und Friedrich v. Hayek
vergeben, die damit beide als exzellente Ökonomen zu öffentlichem Ruhm kamen.
Als man Hayek 1977 dazu befragte, daß Myrdal, der gleichzeitig mit ihm
Ausgezeichnete, die Validität des „Nobelpreises" in Frage gestellt und ihm
(Hayek) wissenschaftstheoretische Nachlässigkeit vorgeworfen habe, gab Hayek
zur Antwort: „(Eine solche Idee) ist eher eine extreme Ansicht, gekoppelt mit
einer intellektuellen Arroganz, die selbst unter Ökonomen eine Seltenheit ist.
Myrdal ist in diesen Fragen in der Opposition gewesen, noch vor den
Veröffentlichungen von Keynes!. Sein Buch über monetäre Fragen, Werte und
Ähnliches ist aus den späten 20er Jahren. Er hatte in diesen Dingen eine eigene
Sichtweise, die ich für falsch halte. Man könnte dieses Buch heute nicht mehr
neu auflegen. Ich bin nicht der Ansicht, daß er jemals ein guter Ökonom gewesen
ist".(34)
Für ökonomische Exzellenz gibt es also keine innerwissenschaftlichen Kriterien.
Als ökonomisch exzellent gilt, was siegreich aus Kontroversen und Streitigkeiten
hervorgeht. Ungeachtet dessen hat die Ökonomie dadurch, daß sie symbolisch
näher an die Naturwissenschaft heranrückte, durch die „Nobelpreise"
Karriere gemacht.(35)
Oder anders formuliert: Nobelpreise vermehren das symbolische Kapital einzelner
Forscherpersönlichkeiten und die Institutionalisierung derartiger Prämiierungen
dient der Vermehrung des symbolischen Kapitals der Disziplin als ganzer, was
ihre Position dem Umfeld gegenüber wesentlich stärker macht. Mathematisierung
und Nobelpreise, so zweifelhaft beide in ihrer Begründbarkeit sind, vermehren
die Reputation der Ökonomie. Höhere Reputation erweitert die Möglichkeiten, im
gesellschaftlichen Umfeld mit mehr Gewicht intervenieren zu können.
Eine
Untersuchung des Selbstbewußtseins der Universitätsabsolventen hat zum
aufschlußreichen Ergebnis geführt, daß die Absolventinnen und Absolventen der
Wirtschaftswissenschaften ein hohes Selbstbewußtsein hätten und großteils „ganz
tolle Leute" seien. Ingenieure hingegen, so die Umfrage, hätten eher ein
scheues Auftreten, würden Augenkontakt vermeiden, kämen nur schwer zu
Entscheidungen, hätten also alle jene Merkmale, die auf fehlendes
Selbstbewußtsein hindeuteten. Diese Befunde waren Teil einer Festrede bei einer
Promotionsfeier der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität
Zürich am 10. 12. 1997.(36)
Die nachgelieferte Erklärung für diese Befunde argumentiert historisch. In den
50er und 60er Jahren, den Jahren des Wiederaufbaus, habe es geheißen: „Dem
Ingenieur ist nichts zu schwör"!. Die Verehrung der Ingenieure habe darauf
beruht, daß das wachsende Wohlergehen ihr Werk gewesen sei. Dann ein Verweis
auf Max Frisch im ‚homo faber' 1957: „Wir leben technisch, der Mensch als
Beherrscher der Natur, der Mensch als Ingenieur..." Die Ökonomen von
damals hätten eine ganz andere Stellung gehabt als heute. Heute „sind die
Ökonomen sehr präsent, überall zu sehen und zu hören. Sie sind Hoffnungsträger
und Autoritäten, wie einst die Ingenieure. Was ist passiert"? (a.a.O.). Dem folgen dann einige Verweise
auf das steigende Mißtrauen der Technik gegenüber, was dazu führe, daß man den
Ingenieuren nicht mehr das alte Urvertrauen entgegenbringe. Aus dem Transfer
des Vertrauens auf die Experten der Wirtschaft „beziehen die Ökonomen - mit Fug
und Recht und viel Instinkt - ihr Selbstvertrauen....". Denn nichts
entkomme heute der wirtschaftlichen Betrachtungsweise. Dann die lapidare
Feststellung: „Das technologische Weltbild ist passé, es lebe das
ökonomische"! (a.a.O.).
Ein
entsprechendes Selbstbewußtsein (oder auch Arroganz) korreliert hoch mit der
Möglichkeit, auf andere Einfluß ausüben zu können (Macht zu haben), diese
wieder damit, die wissenschaftliche Wahrheit auf seiner Seite zu wissen
(symbolisches Kapital). Wer Einfluß haben will, darf nicht ungestraft das
symbolische Kapital vernachlässigen. Die Ökonomen haben dies rechtzeitig
begriffen. Diese Zusammenhänge zu sehen ist wohl eine notwendige, aber noch
keine hinreichende Bedingung, eine Änderung der Situation herbeizuführen. Denn
die Stärke der Ökonomie ist auch eine Folge ihrer symbiotischen Beziehungen mit
dem ökonomischen Kapital.
4.3 Die Allianz von Neoklassik und Neoliberalismus
Der Ausdruck Weltbild besagt wohl dasselbe wie Weltanschauung, hat aber einen
etwas neutraleren Beigeschmack, ist weniger mit jenen Assoziationen belastet,
die sich einstellen, wenn von Weltanschauung die Rede ist. Doch auch mit dem
„Weltbild" ist eine Sicht auf das Ganze angesprochen. Gleichzeitig fixiert
diese Sicht auch eine Beziehung, in welche der Mensch sich zu diesem Ganzen
gestellt sieht. Wer einen Gegensatz von technologischem und ökonomischem
Weltbild anspricht, thematisiert damit gleichzeitig Verschiebungen auf
unterschiedlichen Ebenen oder Dimensionen. Deren Benennung ist nicht zwingend,
ergibt sich aus der Art, wie das Verhältnis zu einem übergeordneten Ganzen
dekomponiert wird. In Anlehnung an die traditionelle Forschung über Einstellungen
(attitudes) könnte man kognitive, evaluative und behaviorale Komponenten eines
Weltbildes unterscheiden. Nach einer anderen Schematisierungsweise wäre nach
den realen, symbolischen und imaginären Anteilen zu fragen. Obwohl diese beiden
Auflösungen der Kategorie des Weltbildes in einzelne Elemente auf
unterschiedlichen Voraussetzungen beruhen, ergeben sich im Endeffekt doch
gewisse Entsprechungen.
Das technologische Weltbild geht davon aus, daß mit der
Zunahme des Wissens über die Natur die Möglichkeiten größer werden, sie zu
beherrschen und den eigenen Wünschen gefügig zu machen. Was geschieht, ist
nicht mehr der Einwirkung irgendeiner übernatürlichen Instanz zuzuschreiben,
sondern Konsequenz des Wissens um mechanische Gesetzmäßigkeiten und deren Manipulation
durch den Menschen. Das zu diesem Weltbild gehörende Menschenbild ist der homo
faber, der gelernt hat, mit Hilfe der Technik sich von der Mühsal des Lebens zu
befreien. Nach einem ganz anderen Grundmuster ist das ökonomische Weltbild
gestrickt. Es orientiert sich am Zweckrationalen, dem Prinzip der Effizienz,
das einen sparsamen Einsatz der Mittel verlangt: Mit den gleichen Mitteln mehr
zu erreichen, oder mit weniger Mitteln das Gleiche. Im Hintergrund steht der
Wunsch, vorhandene Ressourcen (Vermögen) zu bewahren und zu vermehren. Der
dieses Weltbild am genauesten repräsentierende Menschentyp ist der Kaufmann mit
seiner ihn charakterisierenden Krämermentalität. Die Generalisierbarkeit einer
derart beschränkten anthropologischen Prämisse ist nicht unumstritten. Schon
Erasmus v. Rotterdem hielt nicht viel von den Kaufleuten, „denn sie gehen mit
verächtlichen Dingen um und auf die allerverächtlichste Weise; sie schwören
falsch, sie stehlen, sie betrügen und wollen dennoch für vornehm gelten, weil sie
ihre Finger in Geld gewickelt haben."(37)
Wie es zum technologischen Weltbild gehört, das Geld im Dienst der technischen
Perfektion zu verausgaben, so ist es im ökonomischen Weltbild umgekehrt:
Technik hat nur dann einen Wert, wenn damit auf dem Markt etwas zu verdienen
ist.
Die
Ablösung des technologischen Weltbildes durch das ökonomische ist nicht dem
Zufall zuzuschreiben. Zu diesem Wechsel kommt es nach dem Abschluß der
Arbeiten, die der Wiederherstellung dessen dienten, was der Krieg zerstört
hatte. Mit der Beendigung des Wiederaufbaus kam es zu einem langsameren
Wirtschaftswachstum und zu einer Absenkung der Profitrate. So beginnt das
dritte Drittel des 20ten Jahrhunderts, nach dreißig Jahren Krieg und dreißig
Jahren Wiederaufbau, mit der neoliberalen Revolte,(38)
die darauf abzielte, die Regulierungen der Aufbaujahre zu liquidieren. Auf der
politischen Ebene markierte die Übernahme der Regierungsgeschäfte durch Reagan
in den USA und Thatcher in Großbritannien den Beginn einer neuen Epoche, auf
der Ebene der ökonomischen Theorie erfolgte zeitgleich eine Abwendung von
interventionistischen Konzepten im Sinne von Keynes. Die neue ökonomische
Lehre, als Neoklassik verbrämt, ist in Wirklichkeit ein bereinigter
Liberalismus, der jede Art von Zähmung der Wirtschaft durch den Staat und jede
Art von Rücksichtnahme auf Natur und Gesellschaft weit von sich weist.
Wenn
die triumphale Rückkehr des Liberalismus mit den Wirtschaftskrisen der 70er
Jahre zu tun hat, dann sind letztere der Anlaß, nicht aber die Ursache gewesen.
Denn die hartnäckigen Bestrebungen, liberalen Doktrinen wieder mehr Einfluß zu
verschaffen, gehen bis in die Zeit während und nach dem 2. Weltkrieg zurück.
Roosevelt sah sich veranlaßt, 1933 mit dem National Recovery Act,
gemeinhin als New Deal bezeichnet, die Verfechter der Laissez-faire-Ökonomie in
die zweite Reihe zurückzuversetzen(39)
und vorübergehend ein interventionistisches Programm zu verfolgen. Denn nur so
ließ sich damals Schlimmeres verhindern, aus der wirtschaftlichen Rezession ein
Ausweg finden. Doch nach dem Krieg sollte es mit der Wirtschaft, die sich an
bestimmten Plänen orientierte, wieder zu Ende sein. Bereits in Bretton Woods
1944 wurden die Weichen in Richtung auf einen möglichst umfassenden Abbau von
Handelsbeschränkungen gestellt. Damals wurden mit dem IMF und der Weltbank
schon die ersten internationalen Organisationen geschaffen, um die neuen
Vereinbarungen wirksam durchzusetzen. Die ideologische Begleitmusik, nicht
unerheblich für eine Renaissance des Liberalismus, wurde in den sogenannten
„Think tanks" geschrieben,(40) wo
Universitätsangehörige mit dem Geld von Großkonzernen in deren Sinn und
Interesse ein erfolgversprechendes Tätigkeitsfeld finden konnten. Nicht weniger
wichtig ist der Einfluß halböffentlicher Vereinigungen wie der Mont Pelerin
Society, die nach der Art von Geheimgesellschaften ihre Netze aufbauten und
schrittweise Terraingewinne verzeichnen konnten. Als Reagan und Thatcher
begannen, ihren Empfehlungen zu folgen, war die Zeit reif dafür, die alte
Politik des Interessenausgleichs zwischen Kapital und Arbeit aufzukündigen und
klar zu machen, wer der Stärkere ist.
Die
Einrichtung eines Nobelpreises für Ökonomie sollte, wie oben erwähnt, der
Stimme der Ökonomen in der wissenschaftlichen Welt und der breiten
Öffentlichkeit mehr Gewicht geben. Neben dieser Wirkung nach außen muß eine
solche Auszeichnung zweifellos aber auch eine wichtige Funktion für die Bildung
einer inneren Struktur der Ökonomie als wissenschaftliches Fach haben, d.h. für
die Entstehung der dort gültigen Hierarchie. Denn in der Prämiierung bestimmter
theoretischer Leistungen werden auch die normativen Standards fixiert, nach
denen theoretische Leistungen als hervorragend zu bewerten sind. Seit 1980, als
Assar Lindbeck den Vorsitz im Nobelkomitee übernommen hat, wird die Auswahl der
Preisträger als immer einseitiger angesehen. Denn seither geht die Auszeichnung
in der Regel an technische Virtuosen, die ausschließlich auf die Kräfte des
Marktes setzen und jede Form sozialstaatlicher Intervention als schädlich
ablehnen.
Zwischen
dem, was in der realen Wirtschaft politisch umgesetzt wird und den
theoretischen Arbeiten, die zu Nobelpreisehren kommen, gibt es enge Beziehungen.
Das große mediale Echo, das mit Nobelpreisen verbunden ist, dient gleichzeitig
der weltweiten Verbreitung der Inhalte, die prämiiert werden. Was vom
Nobelpreis zu sagen ist, daß es sich dabei um eine politische Institution
handelt, die aber nie als solche in Erscheinung tritt,(41)
gilt analog dazu auch für die ökonomische Doxa, die heute herrschende Lehre der
Ökonomie, die sich nicht von dem distanzieren kann, was ihre Sonderstellung
unter den sozialwissenschaftlichen Disziplinen begründet. Der Zusammenhang ist
klar: je stärker die Allianz von neoklassischer Theorie und neoliberaler
Wirtschaftspolitik, umso unverzichtbarer ist es, am Anspruch auf
Wissenschaftlichkeit, deren Neutralität und Technizität, festzuhalten. Der
Schein strenger Wissenschaftlichkeit läßt sich umso leichter aufrechterhalten,
je schwieriger es ist, die unangemessen mathematisierten Texte im Hinblick auf
ihren Realitätsgehalt zu überprüfen.
5. Wie läßt sich die Festung schleifen?
Nach außen hin ist die ökonomische Doxa ein solid
abgesichertes Bollwerk. Eine demonstrativ zur Schau getragene wissenschaftliche
Strenge, umso mehr der Anfechtbarkeit entzogen, als der geschickte Mix von
Arkandisziplin und öffentlichkeitswirksamer Prämiierung des besonders
Herausragenden der Kritik von außen wie auch jener von innen wenig Chancen
einräumt. Dazu kommt weiters, daß neoklassische Theorie und neoliberale Theorie
ein höchst effizientes Tandem bilden, dessen Vorgaben sich heute kein Kontinent
und auch kein einzelnen Land mehr zu entziehen vermögen. Außerdem ist zu
berücksichtigen, daß die internationale Ordnung eine solche Symbiose von
neoklassischer Theorie und neoliberaler Theorie begünstigt. Dies ist ein Indiz
dafür, daß die Hypothese einer Homologie zwischen der Struktur dieses
internationalen Raumes, der Struktur des internationalen wissenschaftlichen
Feldes und der Struktur des Feldes der Macht den gegebenen Verhältnissen recht
nahe kommt.(42)
Ist daraus der Schluß zu ziehen, daß jede Auflehnung gegen die dominierende
Doxa bzw. das eindimensionale Denken - la pensée unique - ein wenig
erfolgversprechendes Unterfangen ist?
Allein
deswegen, weil der Gegner stark ist und Übermacht demonstriert, ist noch lange
nicht jeder Widerstand für chancenlos zu erklären. Voreilige Resignation würde
erstens übersehen, daß die Synthesis von dominierender Doxa, damit verbundenen
Praktiken und die bestehenden Herrschaftsverhältnisse zahlreiche Risiken mit
sich bringt, die zu Rissen in den Mauern der Festung führen und dann ohne
besondere Einwirkung von außen deren Einsturz zur Folge haben können. Voreilige
Resignation würde zweites übersehen, daß die Zahl derer zunimmt, die heute
schlecht leben oder nicht mehr überleben können, weil die neoliberale
Globalisierung so erfolgreich ist. Dies führt dazu, daß sich der Widerstand
gegen sie global zu artikulieren, zu koordinieren und zu organisieren beginnt.
Zum
ersten, den Risiken einer völlig deregulieren Marktwirtschaft. Je länger dieses
Regime andauert, umso deutlicher zeigen sich auch die Gefahren, die es mit sich
bringt und in seiner Existenz bedrohen. Als besonders riskante Faktoren für
eine globalisierte Wirtschaft der befreiten Märkte verweist Susan George im
„Lugano-Rapport" auf folgende Aspekte:(43)
das mit dem ökologischen Umfeld verbundene Katastrophenpotential, die
Gefährlichkeit eines ungezügelten Wirtschaftswachstums, die Polarisierung der
Gesellschaft und damit verbundene Extremismen, die Entstehung
unkontrollierbarer Parallelökonomien und die Irrationalität der Finanzmärkte.
Die hier aufgezählten Punkte sind keineswegs neu. Seit Jahren wird diskutiert
über Luft, Wasser, Erde, deren Degradation im Dienste einer Wirtschaft, die
sich einem Wachstum verschrieben hat, das mit dem Wohlergehen der Menschen
nicht mehr viel zu tun hat. Für viele innerhalb der industrialisierten Länder und
die große Mehrheit der Menschen in der Dritten Welt werden die
Lebensbedingungen zusehends schlechter, die Polarisierung zwischen arm und
reich zerstört die Grundlagen von öffentlicher Sicherheit und Ordnung. Neben
der offiziellen Marktwirtschaft entstehen andere Nebenwirtschaften von
beträchtlichem Umfang, deren Gewinne aus Drogen-, Waffen- und Menschenhandel
dann über dunkle Kanäle doch wieder in den Kreislauf der offiziellen Märkte
zurückfließen und Verschiebungen der Einflußbereiche zur Folge haben. Die
Gefährlichkeit irrationaler Börsenbewegungen ist wieder deutlicher bewußt
geworden, seit Meldungen über die Verflüchtigung von Börsenwerten zum fixen
Bestandteil der täglichen Informationssendungen geworden sind. Als einzelne
sind diese Risikofaktoren mehr oder weniger bekannt und gehören zu dem, mit dem
man leben zu können meint. An ihre weitere Entwicklung wird wenig gedacht, noch
weniger daran, was geschieht, wenn gleichzeitig zwei oder mehrere Faktoren sich
in ihrer Wirkung gegenseitig verstärken.
Daß
der Kapitalismus keine Einbahnstraße des immerwährenden Erfolges ist, zeigen
die Beispiele Japans und der Vereinigten Staaten. Japan, das die 80er Jahre
wirtschaftlich dominiert hat und den andern Industrieländern als Vorbild galt,
hat heute allen Glanz verloren. In den 90er Jahren sind diverse Blasen geplatzt
und seither stagniert diese einst stolze Produktionsmaschinerie. Vieles deutet
darauf hin, daß das Erfolgsmodell der 90er Jahre, der angelsächsische
Kapitalismus, nun ebenfalls an seine Grenzen geraten ist. Australien und
Neuseeland, vor wenigen Jahren noch Musterschüler des Neoliberalismus, haben
beide weitreichende Kurskorrekturen vorgenommen und aus ihren Zweifeln an der
befreienden Macht der Weltmärkte die Konsequenzen gezogen.(44)
Denn hohe Zahlen eines steigenden Wirtschaftswachstums sind keineswegs ein
Beleg für wirtschaftliche Besserstellung breiter Bevölkerungskreise.
Diese
Einsicht ist auch weltweit gesehen eine wichtige Ursache dafür, daß sich an
vielen Orten nicht nur Unbehagen artikuliert, sondern auch Widerstand formiert.
Diesbezüglich hatten die Ereignisse von Seattle Ende 1999 die Funktion einer
Initialzündung. Es folgten die Proteste in Washington im April 2000, dann in
Prag im September, in Nizza im Dezember und im April 2001 in Quebec.
Verhandlungen auf höchster Ebene sind nur an hermetisch abgeriegelten Orten
möglich, unter dem Schutz von Stacheldraht und starken Polizeiaufgeboten. Wo
überall die Großen sich treffen, um über weitere Schritte der Liberalisierung
zu befinden, besetzen Zehntausende die Straßen, um damit ihrem Unwillen
Ausdruck zu verleihen. Ende Jänner 2001 ist es zu einem ersten Welt-Sozialforum
in Porto Alegre in Brasilien gekommen, zeitgleich mit dem Welt-Wirtschaftsforum
von Davos. Ob jene Interpretationen auch Recht behalten, die davon sprechen,
Davos sei passé, wird erst die Zukunft weisen. Sicher ist jedoch, daß die
Kräfte der marktliberalen Globalisierung, hinter denen die Interessen der transnationalen
Konzerne stehen, nun vermehrt mit Widerstand von Seiten organisierter Kräfte
der „Anti-Globalisierung" es zu tun haben werden. Dies hat auf jeden Fall
dazu geführt, daß von den kontaktieren Länder sich lediglich der kleine
Wüstenstaat Qatar dazu bereit erklärt hat, Gastgeber der nächsten Runde der
Welthandelsorganisation (OMC) im November 2001 zu sein.
Auf
die oben gestellte Frage, wie die Festung zu schleifen ist, läßt sich also eine
unmittelbar zielführende Antwort nicht geben. Die Tatsache, daß es Anzeichen
dafür gibt, daß die Stabilität der Festung aufgrund diverser Erschütterungen
bereits in Mitleidenschaft gezogen ist, mag den Erfindungsreichtum des
entgegengesetzten Lagers beflügeln und seine Ausdauer stärken. Wenn man
bedenkt, daß die reformfreudigen Liberalen nach dem zweiten Weltkrieg auf die
Devise setzten, „Ideen haben Folgen"(45) -
und die Entwicklung seither hat ihnen Recht gegeben -, so wird auch der
studentische Aufruf, die akademische Ökonomie-Lehre zu entmythologisieren, auf
Dauer nicht ins Leere gehen. Dieser Aufruf zur Delegitimierung der
neoklassischen Theorie ermutigt jene, die den praktischen Widerstand gegen die
heutigen Formen des Marktabsolutismus organisieren und ist ohne Zweifel ein
wichtiger Beitrag zur Zerstörung des Glaubens an die gegenwärtige Wirtschaft.
Impressum:
Otto
Nigsch, Institut für Soziologie an der Universität in Linz, Österreich
Kontakt: otto@ganymed.org, Homepage: http://soz.ganymed.org
Anmerkungen
1. Bourdieu P., Les structures sociales de l'économie, Paris 2000, S. 11
2. Im frz. Original: L'institution imaginaire de la société, Paris 1971
3. Castoriadis C., Durchs Labyrinth. Seele,
Vernunft, Gesellschaft, Frankfurt 1983, ebenfalls, ders., Domaines de l' homme,
Paris 1986, bes. 219-240 und 327-363
4. Durkheim E., Schriften zur Soziologie der Erkenntnis,
Frankfurt 1987, S. 146
5. ders., a.a.O., S. 147
6. Lebaron F., La croyance économique, Paris 2000
7. Komplikation, der Ausdruck, den Comte verwendet,
müßte heute wohl richtigerweise durch den der Komplexität ersetzt werden
8. Comte A., Discours sur l'Esprit Positif, Paris 1983 (orig. 1844), S. 156
9. Castoriadis C., Durchs Labyrinth, Frankfurt 1983, S.
133
10. vgl. ders., a.a.O., Frankfurt 1983, S. 8
11. Hayek v. F., Mißbrauch und Verfall der Vernunft,
Frankfurt 1959, S. 146
12. Wiener N., Gott & Golem, Inc., Düsseldorf 1965,
S. 120
13. Robinson J., Die Gesellschaft als
Wirtschaftsgesellschaft, München 1970, S. 117
14. vgl Neue Zürcher Zeitung v. 8. Sept. 1999, Nr. 208, S. 73
15. Krysmanski H.J., Soziales System und Wissenschaft,
Gütersloh 1967, S. 48; vgl. bes. Kap. 4 über: Die problematischen Beziehungen
zwischen Wissenschaftler-Rollen und „sozialen Systemen", S. 44 f
16. Castoriadis C., a.a.O., S. 165
17. Hoam-Ngoc L., Le retour de la pensée unique, in: Le Monde v. 9. Dez. 2000, S. 18
18. Beispielsweise „Globalisierung", ein Schlüsselbegriff
der heutigen Politik, als gleichzeitig empirisches wie auch präskriptives
Pseudokonzept, vgl. P. Bourdieu,, Les structures sociales de l'économie, Paris
2000, S. 277
19. Le Monde v. 21. Juni 2000
20. in Le Monde Économie v. 31. Okt. 2000
21. Solow Robert, L'économie entre empirisme et mathematisation, in: Le Monde
v. 3. Jänner 2001, S. 14
22. Dostaler G., Le libéralisme de Hayek, Paris 2001, S. 43
23. Latour B., Nous n'avons jamais été modernes, Paris 1999, S. 29
24. Hegel G.W.F., Enzyklopedie der philosophischen
Wissenschaften I, Frankfurt 1970, S. 108 (Theorie Werkausgabe)
25. Bouveresse J., Prodiges et vertiges de l'analogie, Paris 1999, S. 117
26. Gislain J.J., Steiner Ph., La sociologie économique 1890 - 1929, Paris
1995, S. 7
27. Daniel J.M., Jevons, mathématicien, et fier de l'être, In: Le Monde
Économie v. 28. Nov. 2000, p. VI
28. Blay M., Mathématisation, in: M. Blay, R. Halleux, La science classique,
Paris 1998, 603 - 609
29. Buzon, de F., Mathesis universalis, in: M. Blay, R. Halleux, La science
classique, Paris 1998, 610 - 620
30. so B. Paulré, in: L'Express v. 6 - 12. Juli 2000, S. 30
31. vgl. Le Monde v. 27. Febr. 2001, S. 20
32. vgl. Le Monde v. 6. März 2001, S. 15
33. so W. Zank, in: Die Zeit Nr. 50 v. 10. 12. 1993, S. 38
34. vgl. Lebaron F., La croyance économique, Paris 2000, S. 254 (übers. aus dem
Englischen O.N.)
35. s. W. Zank, a.a.O.
36. vgl. NZZ Nr. 47 v. 10./11. Jän. 1998, S. 45
37. Erasmus, Lob der Narrheit 1512, im Kap. „Vom
Kaufmannsstand und von den reichen Leuten"
38. so I.Joshua, Dans l'ombre de 1929, in: Le Monde v. 10. April 2001, S. 15
39. Sutton A.C., Roosevelt und die internationale
Hochfinanz, Tübingen 1990, S. 129 f
40. Dixon K., Les évangélistes du marché, Paris 1998, S. 41 f
41. Lebaron F., a.a.O., S. 257
42. Panayotopoulos N., Les „grandes écoles d'un petit pays", in: Actes de
la recherche en sciences sociales Nr. 121/122, März 1998, S. 77 - 91
43. George S., Le Rapport Lugano, Paris 2000, S. 18 f
44. Kasper W., Ordnungspolitischer Zerfall „down
under", in: NZZ Nr. 87 v. 14./15. April 2001, S. 29
45. Weaver R., Ideas Have Consequences, Chicago 1948